HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Ina und die zwei verschiedenen Socken
Ein Fuß grün, einer rot
Im Garten hing eine Wimpelkette. Ina hatte beim Anziehen schnell in die Schublade gegriffen und merkte erst am Festtor, dass ihre Socken nicht zusammenpassten. Eine war grün, die andere rot gestreift. „Alle werden es sehen“, sagte sie zu ihrem Bruder. Er schaute auf seine Schuhe. „Ich sehe es“, sagte er, „und ich finde es lustig.“ Ina fand es noch nicht lustig. Sie zog ihre Hose tiefer. Beim Rennen rutschte sie aber wieder hoch. Neben dem Kuchenstand winkte ihre Freundin Esma. Ina wollte hinübergehen, blieb jedoch hinter einem Blumentopf stehen. Esma kam zu ihr und fragte, ob etwas passiert sei.
Ein ehrlicher Blick
Ina zeigte auf ihre Füße. Esma sah erst die Socken, dann Ina an. „Magst du sie nicht?“, fragte sie. „Ich habe sie nicht ausgesucht“, sagte Ina. „Dann kannst du später andere anziehen. Jetzt wollte ich mit dir tanzen.“ Esma machte einen Schritt nach links und einen nach rechts. Ina versuchte mitzumachen. Dabei blitzten beide Socken deutlich hervor. Ein kleiner Junge zeigte auf sie. Ina hielt inne. „Die grüne sieht aus wie Gras“, sagte er, „und die rote wie eine Rakete.“ Er fragte, ob er auch zwei unterschiedliche Socken tragen dürfe. Ina wusste nicht, was sie antworten sollte, und lachte plötzlich.
Esma fragte Ina noch etwas: „Möchtest du wirklich tanzen, oder soll ich einfach hier mit dir stehen?“ Ina dachte einen Moment nach. Sie wollte tanzen, nur nicht angestarrt werden. Esma nahm ihre Hand nicht ungefragt. Sie wartete, bis Ina selbst den ersten Schritt machte. Der kleine Junge sah inzwischen wieder zum Kuchenstand. Die Welt drehte sich nicht nur um zwei Socken.
Das Sockenspiel
Esma schlug ein Spiel vor: Alle sollten etwas finden, das nicht ganz zusammenpasste, aber zusammen etwas Neues ergab. Der Junge brachte zwei verschiedenfarbige Bänder. Jemand anderes legte einen runden Stein neben ein eckiges Holzstück und nannte es eine Insel. Ina erfand Tanzschritte für ihre beiden Socken: Der grüne Fuß schlich leise durchs Gras, der rote sprang wie eine Rakete. Die Kinder probierten beides aus. Esma hatte zwei gleiche Schuhe an, aber ihre Hände spielten verschiedene Rhythmen. Ina merkte, dass niemand etwas Besonderes anziehen musste, um mitzumachen. Jeder konnte etwas Eigenes beitragen.
Die Schublade zu Hause
Am Abend fragte Inas Bruder, ob sie die Socken vor dem Schlafen wechseln wolle. Ina schaute auf ihre Füße. Die grüne Socke hatte einen Grashalm am Bund, die rote einen kleinen Fleck vom Beerensaft. Sie hatte den ganzen Tag darin gespielt. „Jetzt ziehe ich beide aus“, sagte sie. „Morgen suche ich mir vielleicht wieder zwei verschiedene.“ Ihr Bruder grinste. Ina legte die Socken nebeneinander in die Wäsche. Sie waren nicht plötzlich ein Paar geworden. Aber heute hatten sie gut zusammen auf ihre Füße gepasst. Im Bett dachte Ina an Esmas ruhige Frage. Es hatte geholfen, dass jemand zuerst wissen wollte, wie sie sich fühlte.
