HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Kaspar hört den Regen anders
Das Dach aus Blättern
Kaspar und Lio wollten im Wald Zapfen sammeln. Hinter der Brücke begann es zu regnen. Erst waren es wenige Tropfen, dann viele. Sie stellten sich unter ein breites Holzdach am Weg. „Hörst du, wie es trommelt?“, fragte Lio. Kaspar trug Hörgeräte und hörte den Regen auf dem Dach laut und dicht. Er drehte die Lautstärke etwas herunter. „Jetzt ist es angenehmer“, sagte er. Lio nahm an, Kaspar wolle den Regen nicht hören. Aber Kaspar zeigte auf einen Tropfen, der langsam an einem Blatt entlanglief. „Ich möchte ihn anders hören. Warte mal.“
Tropfen auf vier Dingen
Sie blieben unter dem Dach und verglichen die Geräusche. Auf Holz machte der Regen ein dumpfes Klopfen. Auf einem leeren Metallbecher klang er hell. Im Moos war fast nichts zu hören. Kaspar legte eine Hand auf die Dachstütze und spürte ein kleines Zittern. „Das ist auch Regen“, sagte er. Lio versuchte es und nickte überrascht. Sie fanden einen trockenen Zapfen unter der Bank. Wenn Tropfen darauf fielen, sprangen sie in winzige Richtungen davon. Keiner von beiden musste das Gleiche bemerken. Gerade deshalb hatten sie am Ende mehr Geräusche und Bewegungen entdeckt.
Kaspar erklärte Lio, dass seine Hörgeräte ihm viele Geräusche zugänglich machten, aber ein lautes Durcheinander manchmal anstrengend war. Lio fragte, ob er immer wissen könne, was Kaspar gerade gut hörte. „Nein“, sagte Kaspar. „Frag mich einfach.“ Lio nickte. Er musste kein Experte sein, um ein guter Freund zu bleiben. Er musste aufmerksam sein und Antworten gelten lassen.
Eine Frage statt einer Vermutung
Als der Regen stärker wurde, rief Lio: „Wir müssen rennen!“ Kaspar verstand nur die Hälfte, weil Lio schon zur Brücke zeigte. Er bat ihn, noch einmal zu sprechen und ihn dabei anzusehen. Lio tat es. Dann fragte er: „Ist dir das Geräusch zu laut? Sollen wir hier warten?“ Kaspar war froh über die Frage. „Ein wenig warten“, antwortete er. „Danach will ich die Pfützen sehen.“ Lio entschuldigte sich nicht zehnmal. Er setzte sich einfach zu Kaspar auf die Bank. Sie zählten die Tropfen, die vom Dach in dieselbe kleine Mulde fielen.
Der Weg nach Hause
Der Schauer zog weiter. Die Luft roch frisch, und aus der Mulde war eine kleine Pfütze geworden. Kaspar stellte seine Hörgeräte wieder so ein, wie er es draußen mochte. Lio fragte, ob er bereit sei. Zusammen liefen sie über die Brücke. Unter ihren Schuhen klatschte Wasser, an den Blättern hingen glitzernde Perlen. Kaspar hob den trockenen Zapfen auf. „Den nehme ich mit. Morgen möchte ich hören, wie er klingt, wenn er auf einen Tisch fällt.“ Lio lachte. Zu Hause wollten sie einen Regenklangplan malen: Holz, Metall, Moos und die Hand auf der Dachstütze.
