HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Nana und das Meer in der Muschel
Die weiße Muschel
Nana und Opa gingen am Strand entlang. Das Wasser war heute so ruhig, dass man kleine Steine unter der Oberfläche sehen konnte. Nana fand eine weiße Muschel mit einer Spirale. Sie hielt sie ans Ohr. „Da drin ist das Meer!“, rief sie. Opa hörte ebenfalls hinein. „Ich höre ein Rauschen“, sagte er. Nana stellte sich vor, ein winziges Boot fahre in der Muschel im Kreis. Opa fragte, ob sie die Muschel fotografieren wolle, bevor sie sie zurücklegte. Nana nickte. Sie wollte den Fund nicht vergessen, auch wenn er am Strand bleiben sollte.
Was man hören kann
Sie setzten sich auf eine trockene Decke. Nana hörte der Muschel zu, dann dem wirklichen Meer. Das Rauschen klang nicht genau gleich. „Vielleicht ist da nur Luft drin“, überlegte sie. Opa nickte. „Und vielleicht denken wir dabei besonders stark an Wellen.“ Nana mochte beide Antworten. Sie erzählte von einem anderen Strandtag, an dem sie mit Papa eine Sandburg gebaut hatte. Opa erinnerte sich an einen Ausflug mit Nanas Mutter, als diese noch klein war. Sie hatten damals einen Drachen steigen lassen. Nana kannte die Geschichte noch nicht und wollte jedes Detail wissen.
Nana fragte Opa, ob er den Drachen damals behalten hatte. Er schüttelte den Kopf. Das Papier war später gerissen, und sie hatten es nicht reparieren können. Aber er erinnerte sich noch an die gelbe Schnur und an das Lachen ihrer Mutter. Nana staunte, wie etwas verschwinden und trotzdem in einer Erzählung wieder auftauchen konnte. Sie malte eine gelbe Linie in den Sand.
Ein Platz für Geschichten
Opa beschrieb, wie der Drachen über einem Felsen hängen geblieben war und wie sie ihn gemeinsam heruntergeholt hatten. Nana malte mit dem Finger eine Drachenform in den Sand. „Dann sind in der Muschel nicht nur Wellen“, sagte sie. „Vielleicht passen auch Geschichten dazu.“ Sie hielt sie Opa noch einmal hin. Er lächelte. Sie fanden einen kleinen Stein mit einem Loch und betrachteten ihn ebenfalls. In ihm rauschte nichts, doch Nana erinnerte sich an den Wind im Drachen. Der Stein war ein guter Platz für diese Erinnerung. Sie legte ihn neben die Muschel und malte einen Kreis darum.
Mit leeren Händen
Als die Flut näher kam, standen sie auf. Nana legte die Muschel dorthin zurück, wo das Wasser sie später erreichen würde. Den Stein ließ sie ebenfalls liegen. Auf Opas Telefon war das Foto. In ihrem Kopf waren das Rauschen, die Sandburg und der Drachen. „Nimmst du nichts mit?“, fragte Opa. Nana zeigte auf ihren Kopf. „Doch. Ganz viel.“ Auf dem Rückweg lauschte sie dem Wind. Er klang anders als die Muschel und trotzdem vertraut. Zu Hause wollte sie Mama nach dem Drachen fragen. Vielleicht erinnerte sie sich noch an die Farbe, die Opa vergessen hatte.
