HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Yuri und die Schatten an der Wand
Der große Schatten
Yuri war müde und lag schon im Bett. Auf der Wand neben der Tür bewegte sich ein langer Schatten. Er sah aus wie ein Tier mit Hörnern. Yuri zog die Decke bis zur Nase. „Mama?“, rief er. Mama kam ins Zimmer und blieb bei ihm sitzen. Gemeinsam sahen sie hin. Draußen fuhr ein Fahrrad mit Licht vorbei. Der Schatten wanderte über die Wand und wurde kleiner. Trotzdem wollte Yuri wissen, was ihn machte. Mama schaltete das kleine Leselicht ein. Jetzt sah Yuri den Kleiderständer mit seiner Jacke und dem Schal. Die Hörner waren zwei Jackenärmel.
Ein Licht, viele Formen
Mama nahm die Jacke herunter. Der Schatten verschwand. Yuri war erleichtert, aber auch neugierig. „Kann ein Schatten ein Hase sein?“, fragte er. Mama hielt zwei Finger vor das Licht. An der Wand erschienen lange Ohren. Yuri probierte es selbst. Sein Hase hatte erst drei Ohren, dann zwei. Beide lachten leise. Die Lampe blieb auf dem Nachttisch stehen. Mama erklärte, dass Schatten entstehen, wenn etwas zwischen Licht und Wand steht. Yuri stellte seinen kleinen Stoffbären davor. Auf der Wand wurde der Bär riesengroß. Yuri mochte ihn lieber in seiner echten Größe und holte ihn zurück ins Bett.
Yuri stellte fest, dass der Hase größer wurde, wenn seine Hände näher an der Lampe waren. Er rückte sie wieder zur Wand, und der Hase schrumpfte. „Er kann wachsen und kleiner werden“, sagte Yuri. Mama zeigte ihm, dass seine Hände dabei dieselben blieben. Das gefiel ihm. Der Schatten sah manchmal fremd aus, aber er konnte nachsehen, was dahintersteckte.
Besuch von nebenan
Yuris Freund Nuri schlief heute im Gästezimmer. Er hörte das Lachen und schaute zur Tür herein. Yuri zeigte ihm den Hasen. Nuri machte mit seinen Händen einen Vogel. Eine Weile flogen beide Schatten nebeneinander. Dann legte Mama die Hände in den Schoß. „Noch eine Figur, dann ruhen sich auch die Schatten aus“, sagte sie. Yuri wollte einen Mond formen. Das gelang nicht gut. Nuri schob seine Hand daneben, und zusammen entstand etwas Rundes mit zwei Zacken. „Ein Mond mit Mütze“, flüsterte Yuri. Nuri fand den Namen passend. Sie ließen den Mond an der Wand verschwinden.
Gute Nacht, Hase
Nuri ging zurück in sein Bett. Mama hängte die Jacke an einen anderen Haken, damit sie nicht mehr so groß an der Wand erschien. Yuri bat, das kleine Licht noch kurz anzulassen. Mama nickte. Der Stoffbär lag unter Yuris Arm. Auf der Wand war nun nur ein heller Fleck. Yuri wusste, dass morgen wieder Schatten kommen würden. Vielleicht würde er sie dann erst ansehen und fragen, wozu sie gehörten. Vielleicht brauchte er auch Mama. Beides war in Ordnung. Als Mama die Tür halb offen ließ, schloss Yuri die Augen. In seinem Traum hüpfte ein Hase mit einem Mondhut über die Wiese.
